Über Augenzeugenberichten und Wahrheit

Home » Über Augenzeugenberichten und Wahrheit » Allgemeine Psychologie » Über Augenzeugenberichten und Wahrheit
Bei Augenzeugenberichten sollte man die subjektive Eigenschaft des Gedächtnisses, nämlich rekonstruktive Gedächtnisprozesse, berücksichtigen. Es gibt viel Evidenz gegen die Vorstellung, dass Behalten und Erinnern einfach im mechanischen Einspeichern und Abrufen von Informationen besteht, sondern sie werden von unseren Glauben, innere Regeln, Wertne, Kulturen und Erfahrungen stark beeinflusst.

Ein Beispiel: zwei Personen waren auf einer Party und beide werden gefragt, die Party zu beschreiben. Die erste Person berichtet, dass die Party war sehr lustig and die zweite Person, dass die Party sehr langweilig war. Es kann allerdings durchaus der Fall sein, dass die beiden Personen, die Wahrheit erzählen, sie rekonstruieren die Ereignisse einfach beide mit einer anderen „Brille“ an. So werden zum Beispiel die zwei Personen jeweils bestimmte Details übertonen oder auslassen.

Wenn man etwas von der Erinnerung erzählt, dann stützt diese Erinnerung nämlich nicht auf konkrete episodische Inhalte, sondern die Informationen werden auf der Basis vom generellen Wissen über andere Inhalte rekonstruiert, d.h. Details werden an den an den jeweiligen Erfahrungshintergund der sich erinnernden Person angepasst. Beispiele für rekonstruktive Gedächtnisprozesse:

  • Weglassen (tilgen): die erste Person im vorher erwähnten Beispiel ignoriert bzw. lässt alles vielleicht weg, das die zweite Person so langweilig gefunden hat
  • Hinzufügen/Elaborieren: die zweite Person elaboriert bzw. übertreibt vielleicht, wie langweilig die Party war, weil er die Person, deren Party es war, nicht mag
  • Verzerren: Die erste Person hat einen Liebhaber auf der Party kennen gelernt und „sieht“ alle im Nachhinein mit dieser Brille an
  • Verallgemeinung: die zweite Person hat die Glaube, dass „alle Partys sind schlecht“
  • Interpretieren: die zweite Person interpretiert Gespräche auf der Party als „langweilig“
Loftus & Palmer (1974) haben entdeckt, dass Personen, die gefragt werden, über ein Ereignis zu erzählen, sogar von der Wortauswahl beeinflusst werden können: Zwei Gruppen Versuchspersonen wurden ein Film von einem Verkehrsunfall gezeigt und unmittelbar danach bekamen folgende Fragen jeweils gestellt:
  • Gruppe 1: „Wie schnell fuhren die Autos, als sie ineinander rasten?“
  • Gruppe 2: „Wie schnell fuhren die Autos, als sie sich berührten?“
Das Ergebnis war wie folgend:
  • Gruppe 1: Antworteten im Schnitt, 65km/h
  • Gruppe 2: Antworteten im Schnitt, 50km/h
Die Gruppen waren dann tatsächlich von der Wortauswahl, „ineinander rasten“ oder „sich berührten“ beeinflusst.

Eine Woche später wurden beiden Gruppen folgende Frage gestellt: „Haben Sie Glassplitter gesehen?“ (im Film waren keine zu sehen.) In der ersten Gruppe haben 33% und in der zweiten Gruppe haben 14% „ja“ geantwortet. Loftus und Palmer folgerten deswegen, dass Information aus der Zeit nach dem Unfall (nach der Darbietung des Gedächtnismaterials) die Erinnerung drastisch verzerren kann.